Bienen

1-25 die Biene (Honigbiene, Imme)
1 u. 4-5 die Kasten f(Klassen) der Biene
1 die Arbeiterin (Arbeitsbiene)
2 die drei Nebenaugen n (Stirnaugen)
3 das Höschen (der gesammelte Blütenstaub)
4 die Königin (Bienenkönigin, der Weisel)
5 die Drohne (das Bienenmännchen)
6-9 das linke Hinterbein einer Arbeiterin
6 das Körbchen für den Blütenstaub
7 die Bürste
8 die Doppelklaue
9 der Haftballen
10-19 der Hinterleib der Arbeiterin
10-14 der Stechapparat
10 der Widerhaken
11 der Stachel
12 die Stachelscheide
13 die Giftblase
14 die Giftdrüse
15-19 der Magen-Darm-Kanal
15 der Darm
16 der Magen
17 der Schließmuskel
18 der Honigmagen
19 die Speiseröhre
20-24 das Facettenauge (Netzauge, Insektenauge)
20 die Facette
21 der Kristallkegel
22 der lichtempfindl. Abschnitt
23 die Faser des Sehnervs m
24 der Sehnerv
25 das Wachsplättchen
26-30 die Zelle (Bienenzelle)
26 das Ei
27 die bestiftete Zelle
28 die Made
29 die Larve
30 die Puppe
31-43 die Wabe (Bienenwabe)
31 die Brutzelle
32 die verdeckelte Zelle mit Puppe f (Puppenwiege)
33 die verdeckelte Zelle mit Honig m (Honigzelle)
34 die Arbeiterinnenzellen f
35 die Vorratszellen f mit Pollen m
36 die Drohnenzellen f
37 die Königinnenzelle (Weiselwiege)
38 die schlüpfende Königin
39 der Deckel
40 das Rähmchen
41 der Abstandsbügel
42 die Wabe
43 die Mittelwand (der künstliche Zellenboden)
44 der Königinnenversandkäfig
45-50 der Bienenkasten (die Ständerbeute, Blätterbeute), ein Hinterlader m, mit Längsbau m (ein Bienenstock m, eine Beute)
45 der Honigraum mit den Honigwaben f
46 der Brutraum mit den Brutwaben f
47 das Absperrgitter (der Schied)
48 das Flugloch
49 das Flugbrettchen
50 das Fenster
51 veralteter Bienenstand m
52 der Bienenkorb (Stülpkorb, Stülper), eine Beute
53 der Bienenschwarm
54 das Schwarmnetz
55 der Brandhaken
56 das Bienenhaus (Apiarium)
57 der Imker (Bienenzüchter)
58 der Bienenschleier
59 die Imkerpfeife
60 die Naturwabe
61 die Honigschleuder
62 u. 63 der Schleuderhonig (Honig)
62 der Honigbehälter
63 das Honigglas
64 der Scheibenhonig
65 der Wachsstock
66 die Wachskerze
67 das Bienenwachs
68 die Bienengiftsalbe

* * *

I
Bienen
 
Bienen bilden eine Familie der Stechwespen, die zur Insektenordnung der Hautflügler gehört. Allein in Mitteleuropa kommen etwa 540 verschiedene Arten vor, wovon die meisten als Einzelgänger leben. Nur Hummeln und Honigbienen bilden bei uns Staaten. So gibt es in einem Staat in der Regel eine Königin, die nur für die Fortpflanzung zuständig ist. Ein Heer von Arbeiterinnen genannten, sterilen Weibchen sorgt für den Bau von Brut- und Vorratskammern und die Nahrungsbeschaffung. Die männlichen Drohnen haben lediglich die Aufgabe der Begattung der Königin. Manche Hummelarten leben als Schmarotzer auf Kosten anderer Arten; sie bedienen sich dabei an den fremden Nahrungsvorräten und legen ihre Eier wie Kuckucke in die Nester anderer Hummelarten. Dort werden die Larven dann von deren Arbeiterinnen gefüttert und großgezogen.
 
Bienen, besonders die hoch entwickelten Honigbienen, haben eine wichtige Funktion im Naturhaushalt. Sie bestäuben viele Blütenpflanzen und sorgen damit auch - idirekt - für eine gute Obsternte. Der Mensch hält Honigbienen quasi als Haustier, obwohl sie nie richtig domestiziert wurden. Aus Bienensicht ist der Imker damit auch ein Schmarotzer, denn er hat es auf das Bienenwachs und die Honigvorräte abgesehen. Andererseits stellt er den Bienen in Form von Bienenstöcken eine gute Behausung zur Verfügung und hilft ihnen, über strenge Winter zu kommen. Interessant ist die Kommunikationsform der Bienen, die untereinander eine besondere Form der Verständigung, die so genannte Bienensprache, entwickelt haben. Durch tänzelnde Bewegungen kann eine Biene die genaue Richtung und Entfernung einer lohnenden Nahrungsquelle ihren Stockgenossinnen mitteilen.
 
 Der Bienenstaat
 
Für die Honigbiene gibt es zwei verschiedene wissenschaftliche Artbezeichnungen: nämlich Apis mellifica und Apis mellifera. Die ursprüngliche Heimat dieser Insektenart ist Südostasien, wo heute noch drei wild lebende Arten vorkommen. Inzwischen wurde die Honigbiene vom Menschen weltweit verbreitet. Die Honigbiene zählt neben den Ameisen zu den am höchsten entwickelten Staaten bildenden Insekten. Im antiken Ägypten haben die Menschen um 2400 v. Chr. nachweislich Bienen gehalten; und schon in der mittleren Steinzeit hatte man - wie auch viele Tiere, etwa die »Honigbären« - Wildhonig genutzt. Da Bienen schon seit so langer Zeit in der Nähe beziehungsweise unter der Obhut von Menschen leben, ist die Honigbiene mit ihrer außergewöhnlichen Lebensweise eines der am besten erforschten Tiere.
 
Ein Bienenstaat besteht im Prinzip aus drei unterschiedlichen »Kasten«. An der Spitze steht eine einzelne Königin, die biologisch gesehen ein voll ausgebildetes Weibchen ist. Ihr Gefolge besteht aus vielen Tausend, meist 40 000-60 000 Arbeiterinnen. Zeitweise, vom Frühjahr bis zum Hochsommer, gehören noch Männchen zum Bienenstaat. Manchmal wird der Bienenstaat als Superindividuum bezeichnet, und das mit gutem Grund: Eine einzelne Arbeiterin ist für sich allein nicht überlebensfähig, und ohne Königin geht sogar der ganze Staat ein. Aber auch die Königin kann nicht allzu lange Zeit ohne ihre Arbeiterinnen, die sie rund um die Uhr versorgen, auskommen.
 
Allein die Königin sorgt für den Nachwuchs des Staates, indem sie unablässig Eier legt. Ihr Leben dauert vier bis fünf Jahre, während das einer Arbeiterin, wenn sie im Frühjahr oder Sommer ausschlüpft, nur etwa einen Monat währt. Nur die im Herbst schlüpfenden Arbeiterinnen leben mehrere Monate lang; sie überdauern den Winter.
 
 
Die männlichen Bienen, vom Imker Drohnen genannt, wiederum beteiligen sich nicht aktiv am Arbeitsleben im Staat. Sie treten im Frühjahr auf und leben nur einen Sommer lang. Ihre wesentliche Funktion besteht in der Begattung einer jungen, frisch geschlüpften Königin. Ansonsten leben sie untätig im Stock und lassen sich sogar von den Arbeiterinnen füttern. Sie sind nicht in der Lage, sich selbst mit Nahrung zu versorgen. Bis zum Hochsommer dürfen sie im Stock bleiben, gewissermaßen als Reserve, denn es könnte ja sein, dass die neue Königin krank wird und stirbt oder fortpflanzungsunfähig wird. In diesen Fällen müssten sie sofort zur Begattung einer neuen Königin zur Verfügung stehen (eine Königin wird üblicherweise »auf Vorrat«, oft nur einmal im Leben begattet). Ansonsten aber führen die Drohnen ihr sprichwörtlich nutzloses Leben - der englische Romancier P. G. Wodehouse ließ seinen berühmten adligen Nichtstuer Bertram Wooster Mitglied im »Drone's Club«, im Drohnenklub, sein.
 
Wenn die Königin nach der Begattung das Eierlegen erfolgreich aufgenommen hat und auch keine Reservedrohnen mehr benötigt werden, werden die Drohnen vertrieben und müssen verhungern. Oftmals machen die Arbeiterinnen auch kurzen Prozess: Sie erstechen die Drohnen mit ihrem Giftstachel. Diesem Massaker sind die Männchen wehrlos ausgeliefert, denn die Natur hat ihnen den Stachel vorenthalten. Diesen Massenmord an den männlichen Bienen nennt man »Drohnenschlacht«.
 
 Das Leben einer Arbeiterin
 
Drei Tage nachdem die Königin ein Ei in eine Brutzelle gelegt hat, schlüpft eine madenartige, kleine, weiße Larve. Sie erhält von den brutpflegenden Arbeiterinnen zunächst einen eiweißreichen Futtersaft, später auch Pollen und Honig. Bereits nach sechs Tagen beginnt der nächste Lebensabschnitt. Über der Brutzelle bauen die Arbeiterinnen einen gewölbten Deckel aus Wachs, an dem die Larve von innen her ein Gespinst, den Kokon, anbringt. Anschließend verpuppt sie sich und wandelt sich in den folgenden zwölf Tagen zum Vollinsekt um. Dann verlässt die geflügelte Jungbiene die Brutzelle, nachdem sie den Deckel durchgenagt hat. Insgesamt dauert die Entwicklung einer Arbeitsbiene 21 Tage, während eine Königin schon nach 16 Tagen aus ihrer speziellen Brutzelle, der so genannten Weiselzelle, auszieht. Die Drohnen lassen sich für ihre Entwicklung etwa 24 Tage Zeit.
 
Im Bienenstaat herrscht eine strenge Arbeitsteilung, wobei die Arbeiterinnen, je nach Lebensalter, verschiedene Aufgaben erfüllen. In den ersten zehn Tagen nach dem Verlassen der Zelle reinigen die jungen Arbeitsbienen frei gewordene Brutzellen und bereiten sie zur erneuten Eiablage vor. Dabei sind sie alles andere als »bienenfleißig«: Man hat festgestellt, dass sie im Tagesablauf etwa 70 % der Zeit untätig verbringen. Im Kopf der Jungbienen entwickeln sich allmählich die Futterdrüsen, die den eiweißreichen Futtersaft für die Larven produzieren. Sind diese voll entwickelt werden sie zu Futterbienen. Ihre Aufgabe ist jetzt, Larven, Königin und Drohnen mit Nahrung zu versorgen. Beispielsweise werden die sich entwickelnden Larven in ihren Brutzellen zwei- bis dreitausendmal von einer Futterbiene besucht.
 
Im folgenden zweiten Lebensabschnitt, etwa zwischen dem 10. und 20. Tag, sind die Bienen als Baubienen beschäftigt. Sie errichten jetzt durch Aneinanderfügen von Wachsteilchen, die sie selbst produzieren, Brutzelle um Brutzelle. Dabei entstehen senkrecht hängende, beidseitig ganz mit Zellen bedeckte Flächen, die Bienenwaben. Ihre Aufgabe ist auch die Ausbesserung von schadhaften Zellen. Darüber hinaus übernehmen sie alle Arbeiten, die mit der Speicherung von Vorräten zusammenhängen: Sie nehmen den Sammelbienen den Honig ab und füllen ihn in spezielle Honigzellen, und der eingetragene Pollen wird mit dem Kopf und den Kiefern in die Pollenzellen gestampft. Und damit nicht genug: Sie halten den Bienenstock sauber, indem Unrat und tote Artgenossen aus dem Stock herausbefördert werden. Am Ende dieses Lebensabschnitts werden die Arbeiterinnen zu Wächterbienen. Jetzt empfangen sie am Flugloch des Bienenstocks alle ankommenden Kolleginnen und prüfen, ob diese dem eigenen Staat angehören. Wespen oder Bienen, die sie als fremde Arten oder einem anderen Stock zugehörig identifizieren, werden vertrieben oder mit dem Giftstachel angegriffen.
 
Während des dritten und letzten Lebensabschnitts, vom 20. Tag bis zu ihrem Lebensende, betätigen sich die Arbeiterinnen ausschließlich als Sammelbienen. Jetzt fliegen sie aus und unternehmen nähere und weitere Nahrungssuch- und -sammelflüge. Ein Teil der Mundwerkzeuge ist zu einem Saugrüssel geformt, der es erlaubt, Nektar aus mäßig tiefen Blüten aufzunehmen.
 
Das Verhalten einer Biene ändert sich nach festen Regeln mit ihrem Alter und ist genetisch programmiert. Trotzdem ist dieses Programm nicht starr, sondern wird durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst. So haben die Umweltbedingungen, vor allem aber durch Pheromone (Duftstoffe) übermittelte Signale anderer Bienen Auswirkungen auf das individuelle Verhalten. Hierbei spielt auch die Königin eine wichtige Rolle. Sie produziert beispielsweise ein Pheromon, das die Geschlechtsreife der Arbeiterinnen unterdrückt. Bei der Königin liegt auch die »Entscheidung«, ob ein Ei nach der Ablage befruchtet wird und sich somit zur Arbeitsbiene entwickelt oder ob es unbefruchtet bleibt und zur Drohne wird.
 
 Gelée royale und Machtübernahme: Eine neue Königin kommt
 
Wenn bei einem übermäßigen Wachstum des Bienenstaats das von der Königin produzierte Pheromon nicht ausreicht, um das Heranwachsen weiterer Königinnen zu unterdrücken, kommt es zum »Putsch« im Bienenstaat. Die Arbeiterinnen bauen jetzt für zukünftige Königinnen einige besonders große Zellen, die so genannten Weiselzellen. Die sich darin entwickelnden Larven werden richtiggehend verwöhnt, indem sie gegenüber den anderen Larven einen reichlicheren und anders zusammengesetzten Futtersaft erhalten. Dieser wird Gelée royale oder Weiselfuttersaft genannt, er ermöglicht ein schnelleres Wachstum und darüber hinaus auch morphologische Veränderungen. Das Heranwachsen einer neuen Königin bleibt der alten Königin nicht verborgen. Ungefähr eine Woche vor dem Schlüpfen der neuen räumt sie das Feld und schwärmt mit etwa der Hälfte des Bienenvolks aus. Unweit des Stocks sammeln sich die Auswanderer an einem Ast zu einer Schwarmtraube. Nun fliegen einige Kundschafter, die Spurbienen, aus und suchen eine neue, geeignete Behausung.
 
Die zurückgebliebene Hälfte des Stockes wartet noch einige Tage, bis die neue, jungfräuliche Königin schlüpft. Nach dem Schlüpfen etabliert die Neue ihren Herrschaftsanspruch umgehend, indem sie die noch nicht geschlüpften anderen Königinnen mit ihrem Giftstachel tötet. Wenige Tage darauf begibt sich die neue Königin mit den Drohnen auf den Hochzeitsflug. Bei solchen Hochzeitsflügen sammeln sich hinter einer Königin schnell bis zu hundert Drohnen. Meist wird die Königin von mehreren Drohnen begattet. Die hierbei übergebenen Spermienzellen speichert die Königin in einer Samentasche; sie reichen für sämtliche Eier aus, die sie während ihres vier- bis fünfjährigen Lebens hervorbringt. Als begattetes Weibchen kehrt sie anschließend wieder in den Stock zurück und übernimmt ihre eigentliche Aufgabe, das Eierlegen. Hierbei leistet sie durchaus Beachtliches: Ihr tägliches Pensum sind etwa 1 500 Eier, womit der Stock bald wieder zu einer ansehnlichen Größe heranwächst. Die Drohnen haben jedoch ihre Schuldigkeit getan. Wenn sie Glück haben, werden sie noch eine Zeit lang geduldet, bevor sie endgültig vertrieben (oder »erdolcht«) werden.
 
 Die Bienensprache: Duft und Tänze
 
Wenn die Sammelbienen ihre Erkundungsflüge unternehmen, dann kommen ihnen einige physiologische Eigenschaften zugute, über die Säugetiere nicht verfügen. So können sie sich am polarisierten Himmelslicht (das heißt an der räumlichen Orientierung der Lichtwellen) orientieren und dabei - auch bei teilweise bedecktem Himmel - auch noch den Sonnenstand mit einkalkulieren. Wichtig ist nur, dass ein Stück blauer Himmel sichtbar ist. Die Kalkulation der zurückgelegten Strecke durch das Bienengehirn ist beachtlich: Sogar Hindernisse wie Bergrücken und Waldstücke, die umflogen werden müssen und deshalb Umwege bedeuten, können berücksichtigt werden. Es ist faszinierend, wie die heimkehrenden Sammlerinnen die Daheimgebliebenen über Lage und Art der Futterquelle unterrichten. Die Blütenart wird an dem Duft erkannt, welcher der zurückgekehrten Biene anhaftet. Zur Übermittlung der Fundstelle sind jedoch Richtungs- und Entfernungsangaben notwendig. Die Biene teilt diese Informationen tanzend mit, und zwar mithilfe des Rundtanzes und des Schwänzeltanzes. Befindet sich der Futterplatz nicht allzu weit vom Stock entfernt, so verkündet sie dies durch einen Rundtanz auf den Waben. Andere Bienen drängen sich heran und nehmen den spezifischen Duft der von der Kundschafterin besuchten Blüte auf. Sie fliegen dann aus, um jene Blüten im Umkreis zu suchen.
 
Tanz mit dem Schwanz
 
Liegt aber der Futterplatz nicht in der näheren Umgebung des Stockes, dann teilt die Kundschafterin auch Richtung und Entfernung der Quelle mit. In jede Tanzrunde ist eine gradlinige Strecke eingeschaltet, bei der die Kundschafterin mit dem Hinterleib hin und her wackelt - man spricht deshalb auch vom Schwänzeltanz. Die Richtung dieser gradlinigen Strecke entspricht der Richtung zum Futterplatz, während Rhythmus und Schnelligkeit des Tanzes in einem genauen Verhältnis zur Entfernung des Futterplatzes stehen. Diese äußerst präzise Wegbeschreibung kann sich über mehrere Kilometer erstrecken.
 
Da die Waben der Honigbiene im Stock senkrecht angeordnet sind, müssen die Angaben entsprechend übertragen werden. Hierbei spielt der Sonnenstand eine wichtige Rolle. Und zwar überträgt der Tanz den Winkel zwischen Sonnenstand und Richtung zur Futterquelle, der beim Abflug eingehalten werden muss, derart auf die Waben, dass die gradlinig durchlaufene Tanzstrecke mit einer gedachten Senkrechten exakt diesem Winkelwert entspricht. Liegt die Futterquelle in Richtung der Sonne, so läuft die Biene während des Schwänzelns die Wabe aufwärts. Im gegensätzlichen Fall, wenn also die Futterquelle vom Stock aus gesehen der Sonne abgewandt liegt, läuft die Biene während des Schwänzelns auf der Wabe abwärts. Mit zunehmender Entfernung der Quelle vom Stock wird der gerade Lauf langsamer und das Schwänzeln ausgeprägter. Manche Kundschafterinnen tanzen nach ihrer Rückkehr eine geraume Zeit, bisweilen sogar stundenlang, wobei sich der Sonnenstand merklich ändert. Aber selbst das kann die Tanzbiene berücksichtigen, indem sie in gleicher Weise den Winkel zur Senkrechten ändert. Bienen haben also ein ausgeprägtes Orientierungsvermögen und verfügen dazu über einen ausgezeichneten Zeitsinn.
 
Bienen müssen diese Sprache nicht erlernen; die übermittelten Angaben werden von allen Individuen sofort verstanden. Dies geschieht in der Weise, dass die Tänzerinnen andere Bienen mit sich reißen, sodass diese wie unter Hypnose alle Tanzbewegungen nachmachen. Sie heften sich hierbei praktisch an das hintere Ende der Tänzerin und tanzen ihr nach. Damit wird der Rhythmus des Tanzes auf die Gefolgschaft übertragen, gleichzeitig also auch die im Tanz verschlüsselte Botschaft über Richtung und Entfernung der Futterquelle.
 
 Das Leben im Stock
 
Außer ihrer Tanzsprache haben Bienen noch weitere erstaunliche Fähigkeiten. Sie können beispielsweise die Temperatur im Stock genau regeln. Im Brutbereich herrscht, mit geringen Abweichungen, stets eine Temperatur von 35º Celsius. Dies ist für eine normale Entwicklung der Larven notwendig. Bei kühlerem Wetter rücken die Bienen auf den Brutwaben zusammen und halten mit ihrer Stoffwechselwärme die Normaltemperatur aufrecht. Den Winter überdauern sie dicht gedrängt in einer Art Kältestarre. Sinkt die Temperatur dabei unter 13º Celsius, dann erwärmen sie sich durch Flügelschwirren und bedienen sich an ihren kalorienreichen Honigvorräten. Bei heißem Wetter wird Wasser eingetragen und als dünner Film über die Waben verteilt; durch die Verdunstungskälte des Wassers sinkt die Temperatur wieder auf das Normalmaß.
 
Auch der Geruchssinn der Bienen ist hoch entwickelt. Die Sinnesorgane hierfür sitzen, wie bei allen Insekten, an den Fühlern. Sie gestatten den Tieren, Blütendüfte an den Blüten selbst und auch die anhaftenden Düfte im Pelz der zurückkehrenden Sammelbienen zu unterscheiden. Weiterhin leitet der Geruchssinn heimkehrende Bienen zum richtigen Stock, denn jeder Stock hat einen charakteristischen Geruch. Imker kennzeichnen ihre Stöcke auch mit Farbtupfern, welche für heimkehrende Bienen quasi eine Hausnummer sind. Mit ihren Komplexaugen können Bienen nämlich nicht nur Farben unterscheiden, sondern sogar ultraviolettes Licht wahrnehmen und, wie gesagt, die Polarisationsrichtung des Lichtes erkennen. Die Farbe Rot erscheint ihnen dagegen wie schwarz, denn sie gehört nicht mehr zum bienenphysiologischen Farbspektrum. Die Fähigkeit, UV-Licht zu erkennen, ist jedoch für Bienen wichtiger: Viele Blüten haben nämlich Farbmale auf ihren Blüten, die UV-Licht reflektieren und die der Mensch in dieser Form gar nicht sieht. Sie geleiten die anfliegenden Bienen zum Nektar.
 
 Bienen als Honigproduzenten
 
Wenn die Biene Nektar aufgenommen hat, gelangt dieser zunächst in den Honigmagen. Dies ist eine sackartige Erweiterung der Speiseröhre, die dem eigentlichen Darm vorgeschaltet ist. Zwischen Honigmagen und Darm befindet sich noch ein kurzes Verbindungsstück mit einem Verschlussmuskel. Er wird nur geöffnet, wenn die Biene Hunger hat; dann lässt die Biene ein wenig von dem gesammelten Nektar in den Verdauungstrakt eintreten. In den Stock zurückgekehrt, presst die Biene den Nektar aus ihrem Honigmagen hervor und verteilt ihn an ihre jüngeren Stockgenossinnen. Diese wiederum sind die eigentlichen Honigmacher. Sie verschlucken den aufgenommenen Nektar zunächst auch in ihren Honigmagen, lassen dann aber wiederholt Nektartröpfchen hervorquellen. Mit den Mundwerkzeugen werden die Tröpfchen dann zu einem dünnen Film ausgezogen. In der warmen Luft des Bienenstocks verdampft das im Nektar enthaltene Wasser und der zunächst dünnflüssige Nektar wird in mehreren Schritten zu haltbarem Honig eingedickt. Der Wassergehalt sinkt dabei von etwa 90 % auf unter 20 %. Honig ist für die Bienen ein Nahrungsvorrat für schlechtere Tage, vor allem in der kalten Jahreszeit. Etwa ein Kilogramm Honig kann ein einzelnes Bienenvolk pro Tag in seinen Waben speichern.
 
Eine andere Geschichte ist die Herkunft des Waldhonigs. Er stammt nämlich meist nicht von Blüten, sondern von Blattläusen. Diese bohren die Leitungsbahnen von Laubblättern oder Tannennadeln an, um an den süßen Pflanzensaft zu gelangen. Ein Teil des Pflanzensaftes erscheint als süßes Exkrement am Hinterende der Blattlaus, wo er von den Bienen aufgenommen wird. Diese leckere Hinterlassenschaft wird als Honigtau bezeichnet. Die Pflanzensäfte haben also bereits den kompletten Verdauungstrakt einer Blattlaus durchlaufen, bevor sie in den Honigmagen einer Biene gelangen.
 
 
Wenn eine Biene der süßen Versuchung einer Blütenpflanze erliegt, geschieht dies aus der Sicht der Pflanze nicht ganz uneigennützig. Die Blüten bestehen großenteils aus den Fortpflanzungsorganen einer Pflanze, nämlich dem Griffel und Stempel der Fruchtblätter und den Pollenblättern. Wenn eine Biene eine Blüte besucht, bleibt praktisch immer etwas Blütenpollen im Pelz der Biene haften. Die Biene trägt den Pollen zur nächsten Blüte, wo sie einerseits einen Teil des männlichen Pollens auf den weiblichen Geschlechtsorganen der Blüte hinterlässt, andererseits auch wieder neuen Pollen aufnimmt. Auf diese Weise sorgt die Biene für die Bestäubung und damit die Vermehrung dieser Pflanzenart - die Evolution der heute die Erde dominierenden Blütenpflanzen wäre ohne bestäubende Insekten wie die Biene kaum möglich gewesen. Manche Pollenblätter sind so strukturiert, dass sie ihren Pollen zwangsläufig auf dem Rücken einer Biene abstreifen, wenn diese in die Blüte vordringt, um an den süßen Nektar zu gelangen. Für Landwirte und besonders Obstbauern ist es vorteilhaft, wenn zur Blütezeit der Bäume gutes Flugwetter für Bienen herrscht. Vorzugsweise sollte es relativ warm und nicht zu feucht sein. Dies nützt nicht nur Bienen und Imkern, sondern auch den Landwirten, denen die Bienen auf diese Weise zu einer guten Ernte verhelfen. Übrigens ist in Australien der Obstanbau überhaupt erst durch die Einführung von Bienen möglich geworden!
 
 Gift und Bienenstachel
 
Nicht nur Bär, Honigdachs und manch andere Räuber haben es auf den süßen und nahrhaften Honig abgesehen, sondern auch der Mensch. Aus der Sicht der Bienen ist dies schlicht Diebstahl ihrer Vorräte - und dagegen wehren sie sich.
 
Fast ein jeder hat schon einmal die unangenehme Bekanntschaft mit dem giftigen Bienenstachel gemacht. Wenn Bienen stechen, sehen sie ihr Volk in akuter Gefahr. In der Manier eines Kamikazekämpfers stürzen sie sich todesmutig auf den vermeintlichen Feind unabhängig von dessen Größe - und ziehen hierbei fast immer den Kürzeren. In der Haut von Warmblütern bleibt der Stachel nämlich wegen seiner Widerhaken stecken, wodurch beim Wegfliegen der ganze Stachelapparat aus der Biene herausgerissen wird. Die Biene überlebt das nicht lange und geht bald darauf zugrunde. Der Chitinpanzer von Insekten hingegen ist anders gebaut als eine Warmblüterhaut. Hier bleibt der Stachel nicht stecken, da die elastischen Strukturelemente fehlen, sodass der Bienenstachel beim Kampf gegen andere Insekten eine genauso zweckmäßige Waffe ist wie der Wespenstachel, der auch gegen Warmblüter (für die Wespe) schadlos eingesetzt werden kann. Königinnen können ebenfalls stechen, allerdings hat ihr Stachel keine Widerhaken. Ein Bienenstich ist in der Regel nicht besonders gefährlich, aber trotzdem meist sehr schmerzhaft. Dies gilt aber nicht uneingeschränkt - ein Stich im Mund oder, schlimmer noch, im Halsbereich kann durchaus gefährlich sein, weil die betroffenen Partien stark anschwellen. Überdies haben manche Menschen eine Bienengiftallergie, die sich auch noch von Stich zu Stich verstärken kann; dadurch kann ein an sich harmloser Stich lebensgefährlich werden. In dieser Notfallsituation ist unverzügliches ärztliches Eingreifen lebensentscheidend.
 
 
Genauso wie bei anderen Haustieren auch, versucht der Mensch seit langem, neue Bienenarten zu züchten. Daraus entstanden verschiedene, an regionale Gegebenheiten und Zuchtziele angepasste neue Rassen. Dabei sollen sowohl die Honigproduktion steigen als auch die Anpassung an lokale Umweltbedingungen verbessert werden. Zudem bemüht man sich, die Aggressivität und damit die Stechlust zu mindern. Obwohl die ertragreiche und relativ »friedliche« europäische Honigbiene praktisch überall auf der Welt verbreitet wurde, konnte sie sich an das feuchtheiße Tropenklima nicht gewöhnen. Selbst lokal gezüchtete Rassen produzieren dort relativ wenig Honig und sind krankheitsanfällig. Deshalb kreuzten südamerikanische Imker die europäische Honigbiene Apis mellifera mellifera mit der an heißes Klima gewöhnten afrikanischen Honigbiene Apis mellifera scutellata. 1957 entwichen einige Schwärme mit afrikanischen Königinnen aus den Bienenhäusern in Brasilien, wohin sie eigens zu Zuchtzwecken gebracht wurden. In den folgenden 30 Jahren »afrikanisierten« sie praktisch alle europäischen Bienenvölker in Mittel- und Südamerika. Diese afrikanisierten Bienen sind zwar weniger giftig als die europäischen Rassen, aber viel aggressiver, sie stechen bei der geringsten Provokation. Dies hat ihnen ihren Ruf als »Killerbiene« eingebracht, und in der Tat kam es zu einigen tragischen Zwischenfällen, bei denen Tiere und Menschen, die meist von zahlreichen Bienen angegriffen wurden, an Bienenstichen starben.
 
In der Zwischenzeit weiß man jedoch, wie man mit dieser Bienenart umgehen muss, und lernte sie sogar schätzen: Die zu Unrecht als »Killerbiene« diskriminierte Art ist eine hervorragende Bestäuberin und Honigproduzentin und dazu resistent gegen verschiedene Krankheitserreger und Parasiten. Man kann sie sogar in Gegenden einsetzen - beispielsweise im Nordwesten Brasiliens - wo europäische Bienen bislang kaum eine Überlebensmöglichkeit hatten. Dadurch konnte die Honigproduktion in Süd- und Mittelamerika stark gesteigert werden. Die Gefahr, dass sich die »Killerbiene« weiter nach Norden in gemäßigtere Klimazonen ausbreitet, ist gering, da es ihnen dort schlichtweg zu kalt ist. Allenfalls bei einem deutlichen Klimaumschwung zum Warmen hin könnten diese Bienen spürbar nach Norden vordringen.
 
II
Bienen,
 
1) Blumenwespen, Immen, Apoidea, weltweit verbreitete Überfamilie der stacheltragenden Hautflügler mit über 12 000 etwa 2-40 mm langen Arten in sechs Familien; Hauptmerkmale: starke Körperbehaarung, verbreitertes erstes Fußglied der Hinterbeine und die Haarbürsten zum Pollensammeln.
 
Zu den Bienen gehören die Beinsammler mit den Schmalbienen, Sandbienen, Hosenbienen und Honigbienen sowie die Bauchsammler, z. B. mit den Mauerbienen, Wollbienen und Blattschneiderbienen. Die Oberkiefer der Bienen sind beißend, die Unterkiefer und die Unterlippe bilden ein Saugrohr. Der Wehrstachel des Weibchens steht mit einer Giftdrüse in Verbindung; die Männchen stechen nicht. Brutfürsorge oder -pflege in verschiedenen Nestbauten: unterirdisch, in hohlen Bäumen oder Stängeln (»Grabnister«) oder als Freibauten (»Maurer«). Die Baustoffe, verschiedenartige Fremdkörper, werden oft mit körpereigenen Stoffen oder mit Harzen vermengt.
 
Nach der Lebensweise unterscheidet man: Solitärbienen, das Nest wird durch ein fortpflanzungsfähiges Weibchen angelegt, Arbeiterinnen (fortpflanzungsunfähige Weibchen) werden nicht ausgebildet, Brutpflege fehlt, z. B. Grab-, Hosen-, Mauerbienen, Pelz-, Holz- und Prachtbienen aus der Familie Apidae; soziale Bienen, Staaten bildende Arten mit Männchen, Weibchen und Arbeiterinnen, z. B. Honigbienen, Stachellose Bienen, Hummeln; Schmarotzerbienen oder Kuckucksbienen, ohne Arbeiterinnen, Sammelapparate oder Sammelinstinkte, z. B. die Kegelbiene.
 
 
 2) die Gattung Honigbienen.
 
 

Universal-Lexikon. 2012.

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